Beobachtung als Schlüssel – Kompetenz

Was ist Beobachtung und wozu soll sie gut sein?

Im Wesentlichen geht es um die objektive, systematische, zielgerichtete und aufmerksame Wahrnehmung von Vorgängen bzw. eines Verhaltens zum Zeitpunkt des Geschehens und deren Auswertung.  Sie unterscheidet sich von der alltäglichen, beiläufigen Beobachtung, welche nicht zielgerichtet ist.

Diese Definition ist mir aus Ausbildungszeiten noch mehr als bekannt und für mich hatte sie eine abschreckende Wirkung. In den zahlreichen Hausarbeiten, methodischen Übungen und der großen Abschlussarbeit war sie wesentliche Grundlage. In meiner späteren Arbeit fiel es mir weiterhin schwer, mich einer gezielten Beobachtung objektiv zu widmen.

Jetzt sind zielgerichtete Beobachtung als auch Dokumentation in jeglichen Bereichen meines Berufslebens die Basis für Erkenntnisse und die Puzzlestücke, die als Wegweiser schlussendlich das „Große Ganze“ ergeben.

Zu den wichtigsten Beobachtungskriterien gehören:

  • welche Kräuter / Pflanzen / Wurzeln / usw. isst das Pferd? Gibt es hier Auffälligkeiten?
  • welche Mineralien bevorzugt es gerade?
  • Herdenverhalten – ist das Zusammenleben geordnet und entspannt, oder fallen mir in bestimmten Situationen wiederkehrende Auffälligkeiten auf? (z.B. Futterneid beim Anbieten von Heucobs, Hafer, Obst, an der Kräuterbar, usw.)
  • Wie steht es beim Ruhen?
  • Wie geht es? (mit welchem Fuß geht es zuerst los, wie fußt es auf ? (z.B. Eindrehen eines Hufes, mit der Seite zuerst auffußen, usw.)
  • Scheuert es sich auffällig irgendwo? In welchen Situationen (Kontext)?
  • Wie ist das Augendisplay ?

Es gibt noch einige andere Kriterien, aber um eine grobe Richtung zu haben, habe ich mich auf diese einmal fokussiert.

Blätter essen im Herbst und Winter - dies können, bei einem entsprechenden Angebot, mehrere Pferdehalter beobachten.

Welche Informationen kann ich aus den Beobachtungen ziehen?

  • Mögliche gesundheitliche Probleme vor dem Auftreten von Symptomen
  • Mögliche Mineralstoffmängel
  • Hinweise auf Schmerzen
  • Hinweise auf Stress

Bevor wir jedoch Informationen interpretieren ist es unabdingbar, dass die Beobachtungen neutral und sachlich dokumentiert werden. Zielgerichtete, objektive Beobachtungen bedeutet also NICHT, dass wir unsere Wahrnehmung darauf ausrichten, Beweise für eine in uns vorhandene Überzeugung im Außen zu finden (Erwatungen bestätigen, projiziere, HALO Effekt, usw.). Das verfälscht und manipuliert. Zielgerichtete Beobachtung bedeutet beispielsweise: Heute beobachte ich im Zeitraum x-y, was das Pferd isst und dokumentiere es. Die gesammelten Informationen werden im Kontext interessant, oder wenn Auffälligkeiten auftauchen (Ein Pferd isst z.B. viel mehr von Kraut x, ein Pferd scheuert/wälzt sich immer nach dem Essen, ein Pferd blinzelt nicht mehr adäquat, usw.). Nicht immer sind sofort logische Zusammenhänge ersichtlich, aber sie werden z.B. dann sichtbar, wenn bei der Hufbearbeitung etwas auffällt oder bei der Diagnostik durch einen Bewegungsosteopathen, beim Zahnarzt, usw.) Dann lernen wir, dass vorherige Beobachtungen schon Hinweise auf das spätere auftretende Problem hingewiesen haben.

Hürden und Widrigkeiten

In der Objektivität finden sich wohl die meisten Hürden. Der Mensch neigt dazu, in Bruchteilen von Sekunden was er wahrnimmt zu bewerten und kategorisieren. Dabei knüpft er an Erfahrungen, gängige Werte und Normen oder das geprägte Weltbild an. Besonders Ängste und Unsicherheiten beeinflussen diese Bewertung. Das Gehirn und die Psyche haben sofort eine genaue Vorstellung davon, wie etwas zu sein hat. In einer objektiven Beobachtung geht es aber rein um die sachliche Aufnahme dessen, was ist. „Das Pferd isst Brombeerblätter.“ Nicht mehr oder weniger. Nicht um die Frage „Ist es möglicherweise krank?“ oder Ähnliches.

Deshalb muss Beobachtung geübt werden und es bedarf einer gewissen Bereitschaft dazu. Eine gute Beobachtungsgabe zu entwickeln, geht also mit einer Persönlichkeitsentwicklung einher. Denn ohne die Fähigkeit aus seiner gängigen Wahrnehmungsweise herauszutreten, ist eine sachliche Beobachtung nicht möglich.  

Dies ist auch die Grundlage für eine Auswertung. Wie will ich die Daten sonst in Relation setzen, wenn ich ein bewertendes, vorgeprägtes Meinungsbild habe?

Der Schlüssel für die Bereichtschaft zur objektiven Beobachtung ist Interesse und die Kompetenz des Heraustretens aus der subjektiven Wahrnehmungsblase.

Text zum Bild: Beim Kräutercoaching werden dem Pferd gezielt Kräuter angeboten und sachlich über einen Zeitraum von 4 Wochen dokumentiert, welche es davon isst.

In einem aktuellen Praxisbeispiel im Rahmen meiner Ausbildung möchte einmal die Zusammenhänge amhand eines Kundenpferdes aufzeigen:

Stute – Shetlandpony – Ü20 –

Beobachtungen:

  • bis auf Knoblauch isst sie alles an angebotenen Kräutern, bevorzugt seit ca. 6 Wochen besonders und mehr als alles andere Brombeerblätter sowie Brennnesselreste und -wurzeln, die die Jahereszeit noch hergeben. Erklimmt dabei auch schwer zugängliche Bereiche.
  • Neigt zu Koliken und Kotwasser
  • Schubbert sich seit einiger Zeit regelmäßig nach dem Essen mit der Kruppe an Pfosten, Wänden oder Bäumen. Schubbert sich bevorzugt an der rechten Körperseite (Bauch, hinter den Ohren, Kiefergelenkansatz, Innsenseite Oberschenkel)
  • Stützt sich beim Ruhen mit der Kruppe an Wänden oder Pfosten ab
  • Schiebt im Stand oder beim Schildern die Hinterbeine unter das Becken
  • ist bei der Futteraufnahme, wenn es Zusatzfutter wie Kräuter, Hafer, usw. gibt gierig und treibt andere weg (nicht immer, an einigen Tagen dafür deutlich)
  • Herdenverhalten ansonsten entspannt und sortiert, sie animiert die anderen Herdenmitglieder zur gegenseitigen Körperpflege auf
  • Hufe zeigen „Stoffwechselrillen“, Gangbild Hinterbeine eng, dreht rechtes Hinterbein nach innen
  • Bei der BO-Anamnese zeigen sich Verspannungen und einige schmerzhafte Bereiche. Besonders rechte Körperseite sowie Kreuzbein und Kiefergelenk sind empfindlich
  • Nach der BO-Intervention verstärkt sich das Bedürfnis des Schubberns

Diese Beobachtungen sind zunächst sachlich und neutral notiert. Mit dem Herausfinden schmerzhafter Bereiche und der Reaktion auf die Behandlung werden profunde und sich schon länger anbahnende Probleme deutlicher. Um den weiteren Therapieverlauf zu gestalten, ist es nun wichtig, alle Puzzleteile zusammenzufügen.

Die Brombeere ist vorrangig als Heikraut bei Magen-Darm-Problemen und Krämpfen/Durchfall angezeigt, auch bei Wunden und Entzündungen, volkstümlich wurde sie gezielt bei Blinddarmreizungen angewandt. Der Blinddarm des Pferdes liegt rechts, rechts ist das Pony schmerzhaft in diesem Bereich. Die Brennnessel ist ein heimisches Superfood und hat ihre speziele Heilwirkung zur Entwässerung und Stoffwechselanregung, sie enthält zudem sehr viele Vitalstoffe.

Schmerzhafte Bereiche im Kreuzbein sind sehr deutlich bei Berührung angezeigt und spiegeln somit das Schubbern in diesem Bereich wider, besonders aber das Abstützten zur vermutlichen Entlastung an Wänden oder Pfosten, durch das Unterschieben der Beine steht das Becken schief, hierdurch wird das Kreuzbein regelrecht überstreckt.

Die Reaktion auf die Behandlung zeigt unverkennbar deutlich, dass sie in der Tiefe wirkt und sichtbar macht, was schon länger schlummert.

Die Bewegungsosteopathie kann somit mögliche Interpretationen in den körperlichen Bereichen in „messbare Daten“ umwandeln. Natürlich wird noch abgeklärt, ob Milben / Pilze mit verantwortlich sind. Auch wird deutlich, dass die Prozesse, die durch eine Behandlung in Gang gesetzt werden unabdingbar ganzheitlich betrachtet und betreut werden müssen. Die Pflanzen, Hufe, das Herdenleben, das Mind Sets des Pferdehalters, ALLES spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dieser Artikel ist ein kleiner Einblick in die wunderbare Welt der Beobachtung und es werden ganz sicher noch weitere Praxisbeispiele folgen.

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